Überschwämmerung

Ich kann die Augen nicht öffnen, so viele Tränen:

Überschwämmerungsgefahr! Die Wimpern sind Mangroven,

doch in mir schmilzt nichts, das Jahr stockt.

 

In den Blättern der barfüßige Herbst, ich greife die Haare,

fasse sie nicht. „Schon wieder ein Jahr“, ruft Mutter ins Telefon,

„dass du fortwillst, so weit, und im Garten bald Frost!“

 

Das ich fort will von hier/ mir, ist ein Ausweichen,

wie ein Zwinkern des Kirchturms von St. Heribert,

auf der anderen Straßenseite, gegenüber.

 

Der Herbst senkt sich tiefer ins Land, schickt letzte Karten

aus dem Sonnenheim, die Augenwinkel bilden Tümpel,

und draußen ein Wehen, Entzug einer vielgliedrigen Hand.

 

Ich will ein Brief schreiben, schlage die Beine um, netze

die Marken mit Speichel:  wie Kaugummi kreischte der Zahnarzt

damals, der Geiger war und Spritzen nicht mochte.

 

… dass ich weg will, ist ein Verpsrechen gewesen, ein Sprachfehler, 

eine gezackte Antilope, die pfeilgrad in den Himmel schießt…, und die

Wunschmaschine sagt: „Rückwerts fortgehen“. Mit ohne Motiv.

 

Verlass dies nicht, mach dich nicht unbequem:

„Dass du fort willst!“, von der tosenden Stille des Hauses,

den Beeten davor, mit emporgehobenen Händen.

 

Pack den Koffer, bestelle das Haus. Geh darin umher,

Schwertfischstullen sind mein Proviant. Setz den Hut auf,

schließ die Fenster und sieh nach, ob der Herd aus ist.

 

Räumungsverkauf von allem. Mit schwerer Miene und Schuhwerk

kehr ich am Schlüsselbrett um, warte auf Abschied. Überschwämmerung!

Und kein Damm oder irgendetwas, nur eine Flaschenpost, die sagt: Komm.

 

Julia Trompeter, „Zum Begreifen nah“, 2016

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IV. Gegen Melancholie

Zum Fenster hinaus sieht der Himmel

aus als würden ihn Äste pieksen,

Sonnenstrahlen, sich im Wind biegend,

prallen fallend an der Wand ab.

Ich streich mir meine Haare aus dem Gesicht

und rücke liegend meinen Arm zurecht.

High and dry ist mehr als nur ein Song von Radiohead.

Meine Zehen zucken, als wollten sie

die Welt im Sommer sehen,

meine Augen schlucken, im Duo

ferne Bilder die wie Straßenschilder

an mir vorbeiziehn:

Weltenseen auf weißen Laken trocknen

aus

wenn sie keine Boote mehr tragen.

2016

 

 

 

III. Gegen Melancholie

Ich trage eine Wiese mit mir im Kopf herum. Eine Wiese, auf der bunte Blumen wachsen, die ihre Köpfe zwischen Grashalmen hervor strecken. Eine Wiese, über der Fliegen surren und auf der Hummeln und Bienen ihr Geschäft verrichten. Eine Wiese, die in Form eines Bogens am dunkelgrünen Wald grenzt. Eine Wiese, die im prallen Sonnenschein leuchtet und wo sich Gräser mit dem Wind wiegen.

Ich trage eine Wiese mit mir im Kopf herum, deren Wurzeln ich bis in den Bauch hinunter spüre. Sie lässt mich niemals alleine und stimmt mich leise, wenn ich an sie denke.

2016

 

 

II. Gegen Melancholie

Der Geruch von verbranntem Olivenöl, vermischt mit dem von Gas, hängt in der Luft. Der Kochlöffel liegt zum Trocknen auf der Ablage neben dem Waschbecken, in dem ein großer, noch ungewaschener Topf und weiteres Geschirr steht. Weit gestreute, rote Punkte sammeln sich an der Rückwand des Herdes und deuten auf geflüchtete Spritzer einer Tomatensoße hin.

Aus dem Nebenraum hört man Gelächter von mehreren Personen; Wortfetzen fliegen zu den weit geöffneten Fenstern hinaus. Geschirr- und Gläserklirren gehören zu der harmonischen Runde, die beim Essen sitzt und genießt.

Zwei Stunden eher. Volle Tüten stehen neben dem Herd, gefüllt mit reifen, roten, saftigen Tomaten, jede der Größe eines Handballens entsprechend und einer Knolle Knoblauch, die sich mit ihrer wellenartigen Struktur zwischen die Tomaten schmiegt. Frische Oreganozweige mit weichen, festen Blättern liegen im Bund zusammengeknotet neben einem Fünf-Liter-Kanister Olivenöl, der bereits auf der Ablage steht. Hausgemachte Tagliatelle, mehrere zu einer Schleife portioniert, warten auf einem Blech darauf, gekocht zu werden. Erste, fingerbreit geschnittene Brotscheiben liegen bereits in Flechtkörben griffbereit. Verschiedene Schalen werden gefüllt mit zähflüssigem, fruchtigem Olivenöl, das während der Vorspeise in Verbindung mit grünen, prallen Oliven gereicht wird. Parmesan, der zunächst geteilt und dann in Schalen gerieben wird, erfüllt die Luft mit würzigem Geruch. Tippt man den Finger in den gelblichen Puder und kostet ihn, verteilt sich ein salzig-herber, scharfer Geschmack auf der Zunge, welcher ein Kratzen in der Kehle hinterlässt. Während die ersten Tomaten bereits aus dem kochenden Wasser gehoben und geschält werden, wird der Tisch gedeckt. Wein- und Wassergläser finden ihren Platz. Weiße Servietten türmen sich in tiefen Tellern auf und bunte Wiesenblumensträuße zieren die Mitte der Tafel. Die Tomaten werden indessen gewürfelt und mit ihrem Saft in einen hohen Topf gegeben. Knoblauchzehen werden geknackt, geschält und im Ganzen zu den Tomaten gegeben. Danach folgen Oreganozweige und Olivenöl. Nach einer Stunde werden alle Zutaten entfernt und ein wenig Salz folgt. Während die Nudeln im sprudelnden Salzwasser kochen, ruht die Tomatensoße auf dem Herd.

Nudeln, mit ein zwei Löffeln Olivenöl vermischt, liegen nun in den Tellern. Eine Kelle dicker Tomatensoße, der im letzten Zug etwas Olivenöl hinzugefügt wurde, wird auf die Teller gehoben. Das Gericht wird vervollständigt mit ein wenig geriebenem Parmesan, der gleichmäßig darüber verstreut wird.

Ein Raunen geht durch die Runde, Stimmen senken sich bis sie vollkommen verstummen und durch zufriedenes Schmatzen ersetzt werden.

2016

 

I. Gegen Melancholie

Am Abend sitzen wir auf den Steinen und hören dem Meer zu, wie es an den Kliffen anschlägt und seine weiße Gischt bis auf unsere Haut springt. Mit angezogenen Beinen und unseren Armen auf den Knien beobachten wir den Sonnenuntergang, der den Himmelsrand rot färbt.

Wir verbrachten den ganzen Tag am nahegelegenen Strand, der über den Tag voll von Menschen war und sich zu späterer Stunde leerte. Während wir durch das seichte Wasser schlendern und nach einem geeigneten Rastplatz Ausschau halten, greifen wir nach Muscheln und springen über verlorengegangene Gegenstände, die sich besitzlos und ungewollt in den Sand eingraben.

Der Geruch nach Salz und Algen mischt sich mit kühlem, frischem Wind, der von der See herzieht und uns auf unserer Suche begleitet.

Die Sonne zwischen meinem Zeigefinger und Daumen wird immer kleiner, als wir alles vorbereiten: Am selben Tag fingen wir Seeigel, die wir aufschneiden um das lachsrote Fleisch herauszulösen und es mit Zitronensaft essen. Im Licht der letzten warmen Strahlen beenden wir unsere Mahlzeit, packen alles zusammen und kehren zum Auto zurück, das uns in ein Campinglager am Strand bringt, auf dem bereits einige Zelte im Sand befestigt sind.

2016

“ All the stories I would like to write persecute me when I am in my chamber, it seems as if they are all around me, the little devils, and while one tugs at my ear, another tweaks my nose, and each says to me, ‘Sir, write me, I am beautiful’. “

Umberto Ecco

Mädchen

Sie sitzen dort, ich habe sie nicht gezählt,

und halten einander die Hände,

ziehen an ihren bunten Nägeln an

den langen, kratzigen Fingern, mit denen sie sich

ihre Haare zurückstreichen in einer fließenden Geste,

jedes Einzelne, Dicke, bis zur Brust gewachsene, dunkle Haar.

Sie sehen sich an, fordern mit ihren Blicken,

drehen ihre Augen nach oben und werfen ihre Köpfe

nach hinten in einem Lachschwall, der gluckernd aus

ihren Kehlen kommt und ihre Rücken zu Hohlkreuzen biegt.

Sie spitzen ihre Lippen ohne Worte zu formen, tragen sich

hinter vorgehaltenen Spiegeln Farbe auf,

betrachten einander, bewerten, beratschlagen,

hinterfragen in immer sanfteren Tönen

ihre Erscheinungen. Sie fahren spitzfindig über

dichte, geschwungene Brauen und Wimpern und legen

jeden einzelnen ihrer Charaktere zurecht.

2016

 

 

Leap before you look

The sense of danger must not disappear:
The way is certainly both short and steep,
However gradual it looks from here;
Look if you like, but you will have to leap.
 
Tough-minded men get mushy in their sleep
And break the by-laws any fool can keep;
It is not the convention but the fear
That has a tendency to disappear.
 
The worried efforts of a busy heap,
The dirt, the imprecision, and the beer
Produce a few smart wisecracks every year;
Laugh if you can, but you will have to leap.
 
The clothes that be considered right to wear
Will not be either sensible or cheap,
So long as we consent to live like sheep
And never mention those who disappear.
 
Much can be said for social savoir-faire,
But to rejoice when no one else is there
Is even harder than it is to weep;
No one is watching, but you have to leap.
 
A solitude ten thousand fathoms deep
Sustains the bed on which we lie, my dear:
Although I love you, you will have to leap;
Our dream of safety has to disappear.
 

W.H. Auden, Poems, Selected by Edward Mendelson

Der Löwe

Die Grünschnäbel hatten die Augen noch nicht offen. Seit drei Tagen tapsten sie zwischen den Tatzen der Mutter Löwin hin und her, tasteten nach den Zitzen und waren unempfindlich für jeden Ruf.

Der Löwe betrachtete sie von der Seite.

Auf einmal erhob er sich, schüttelte die schöne Mähne und stieß ein mächtiges, weithin hallendes Gebrüll aus.

Die Jungen sperrten plötzlich die Augen auf; inmitten des anderen Wildes der Savanne flohen sie erschreckt davon.

Und wie der Löwe, der seine Jungen mit einem mächtigen Schrei weckt, so weckt das gerechte Lob die schlafenden Kräfte unserer Söhne. Indem wir sie anspornen, redlich zu studieren, halten wir von ihnen fern, was nicht schön und nicht gut ist.

Leonardo da Vinci, Fabeln

 

 

Wie das Leben spielt

Es stinkt mal wieder im Zugabteil. Der unangenehme Geruch kommt von einem Penner, der sich wohl seit längerem nicht mehr wäscht und sich in einem Vierer-Abteil breit macht. Diejenigen, die bei ihm ins Abteil einsteigen, schütteln den Kopf und ziehen den Schal bis zur Nase hoch, nachdem sie bemerken dass es nach ungewaschenem Körper, Kot und Alkohol riecht. Sie laufen in die entgegengesetzte Richtung und lassen so einen ganzen Zugwagen frei.

Er sitzt mit gebeugtem Oberkörper auf dem Fensterplatz. Sein Kopf hängt nach unten, seine genauen Gesichtszüge sind nicht erkennbar. Seine Hände hat er mit den Handflächen zueinander zwischen seine Oberschenkel geklemmt. Mit seiner Schulter lehnt er leicht gegen das Fenster. Er sitzt ruhig da. Es scheint fast, als hätte er seine Augen geschlossen um zu schlummern. Sein Haar hängt fettig in ungekämmten, teils verfilzten Strähnen vom Kopf. Seine Jacke weist Löcher und Schmutzflecken auf. Eines seiner Hosenbeine trägt er hochgekrempelt und seine Füße stecken in Sportschuhen, die wahrscheinlich einmal weiß waren und deren löchrige Spitzen den Blick auf seine schwarzen Zehen freigeben. Neben ihm liegt eine verschmutzte Tasche, die vermutlich Flaschen beinhaltet. Ein typischer Penner also, der den Anschluss verpasst hat.

Als er seinen gut bezahlten Job verlor und seine Frau ihn zeitgleich verließ, wusste er nicht mehr was er mit sich anfangen soll. Nach einem gescheiterten Selbstmordversuch, bei dem er sich die Pulsadern an den Handgelenken aufschnitt und sie ihn blutend auf dem Badboden vorfanden, schickten sie ihn von einer zur nächsten Therapie. Die Welt schien jedes Mal eine bessere zu werden, bis sich die Illusion nach wenigen Tagen trübte, er apathisch wurde und erneut anfing zu trinken. Auf einmal ging alles ganz schnell: Er ließ Therapiesitzungen ausfallen und verpasste Abgabedaten für seine Dokumente beim Sozialamt. Eines Tages standen sie vor seiner Tür um ihm die Wohnung zu kündigen. Er packte seinen Beutel und fuhr zu einem Freund, der ihn eine kurze Zeit bei sich wohnen ließ. Kurz darauf landete er letztendlich auf der Straße.

Über die Jahre hinweg wurde sein Bekanntenkreis immer kleiner: Familienangehörige hörten auf, sich bei ihm zu melden, weil sie ihm nicht helfen konnten. Er wehrte jeden gut gemeinten Ratschlag ab; seinem Gefühl nach war alles sinnlos. Freunde distanzierten sich, bis sie vollkommen im Nichts verschwanden. Keiner erzählte ihm mehr Geschichten aus dem Familienkreis, oder was da draussen in der Welt passierte. Er machte keine besonderen Bekanntschaften mehr; und wenn er sich mit jemandem abgab, dann waren es die Punks und die anderen Penner, mit denen er sich betrank und im Rausch prügelte. Er suchte zunächst Schutz in Obdachlosenheimen, wo ihn wenigstens im Winter die Kälte in Ruhe lies. Er stahl sich heimlich Decken, mit denen er sich während der kalten Tage einwickelte. Am Anfang brachte ihn die Hoffnung hierher, wieder ins System zurück zu kehren, bis ihm andere Obdachlose fast täglich mit grundlosen Prügel drohten und er mit blutender Nase lieber auf seinen Decken unter freiem Himmel schlief. In der Zwischenzeit macht er einen großen Bogen um Obdachlosenheime. Zwar herrscht auf der Straße und unter den Brücken ein rauher Ton und er beobachtet oft, wie sie voneinander stehlen; jedoch gelingt es ihm hier, schneller zu entkommen. Lassen sie sich dabei erwischen, kommt es zu wüsten Beschimpfungen, Prügeleien und aufgeschlitzten Beinen. Dann packt jeder seine Sachen und flieht, bevor die Polizei kommt. Vor allem wenn es kalt wird und jeder um einen wärmenden Gegenstand kämpft, kommen solche Auseinandersetzungen recht häufig vor. Selbst er konnte seine Decken und wenigen Habseligkeiten im ersten Winter nur mit Mühe zusammenhalten. In klaren Momenten packt er so wenig wie möglich aus seinem Beutel und sitzt oder liegt darauf. Beäugten sie ihn kritisch, greift bereits eine Hand nach dem Gepäck, um im nächsten Moment aufzuspringen.

Am Anfang schämte er sich für seine Obdachlosigkeit. Wenn er jemand Bekanntes auf der Straße traf, drehte er den Kopf weg, schaute nach unten oder wechselte die Straßenseite. Oft hatte er ein blaues Auge oder Schnitte im Gesicht und hoffte, sie würden ihn nicht mehr erkennen. Er kämmte seine Haare erst regelmäßig, dann weniger, je länger sie wurden. Eines Tages gab er seine Körperpflege ganz auf. Frauen übersahen ihn und keiner wagte, ihn überhaupt anzusprechen. Da lohnte es sich eher, das Geld, das er eigentlich für den Frisör zurückgelegt hatte für Alkohol auszugeben, der ihn im Winter wärmte, der ihn einschlafen ließ oder zumindest in einen Zustand versetzte, in dem er vergessen konnte und sich leichter fühlte. Während der Sommertage liegt er dann gerne im Vollrausch auf seiner Bank oder im Park, genießt die Sonne und schaut sich den Himmel an.

Er hörte auf, sich für seine Person zu entschuldigen. Weder bei sich, noch bei anderen. Dazu gibt es keinen Grund mehr.

Er versuchte bereits mehrmals, leise zu gehen. Jedes Mal fanden sie ihn und brachten ihn in sein beschissenes Leben zurück. Er verfluchte sie dafür.

In der Zwischenzeit gab er selbst das auf.

2016